23.06.2011 Bildungskongress

Wie der Bildungsaufstieg gelingt

Sabine Bonewitz, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sylvia Canel, Susanne Vieth-Entus, Kaija Landsberg, Dr, Joachim Rock, Mieke Senftleben Sabine Bonewitz, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sylvia Canel, Susanne Vieth-Entus, Kaija Landsberg, Dr. Joachim Rock, Mieke Senftleben

An einem ungewöhnlichen Ort fand am Donnerstag der Bildungskongress der FDP-Fraktion zum Thema Bildungsaufstieg statt. Die Fraktion hatte in die Kepler-Oberschule in Berlin-Neukölln eingeladen, ein Standort, der als sozialer Brennpunkt gilt. FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt erinnerte in seiner Rede an den liberalen Vordenker Ralf Dahrendorf, der den Blick dafür geschärft habe, Bildung als Bürgerrecht wahrzunehmen. 
Der unvoreingenommene Besucher der Schule nimmt beim Betreten ein sehr gepflegtes, geräumiges Gebäude aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wahr und fühlt sich eher an Heinz Rühmanns Feuerzangenbowle als an die Neuköllner Gegenwart erinnert. Doch Schulleiter Wolfgang Lüdtke ließ diese Illusion rasch platzen. In seiner Begrüßungsrede berichtete er, dass sich die Schule zu den "Verlierern der Berliner Schulreform" zähle. Von Bildungsgerechtigkeit sei man weit entfernt, es herrsche Lehrermangel und jede Klassenfahrt werde zum „finanziellen Abenteuer“. Dennoch gebe es auch Erfolgsgeschichten.

Patrick Meinhardt und Uwe Kirmse, Mitarbeiter der FDP-Bundestagsfraktion.Patrick Meinhardt und Uwe Kirmse, Mitarbeiter der FDP-Bundestagsfraktion. Der bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, Patrick Meinhardt, erläuterte mit seinem Gedenken an Dahrendorf die Motivation der FDP-Bundestagsfraktion, einen Kongress zum Thema Bildungsaufstieg durchzuführen. Während in den 60er Jahren das so genannte "katholische Mädchen vom Lande" Sorgen bereitete, seien es nunmehr vorwiegend junge Männer mit Migrationshintergrund aus urbanen Milieus, die kaum Perspektiven hätten. Dieser Perspektivlosigkeit gelte es mit frühkindlicher Bildung, Ganztagsangeboten, Praxisorientierung und Kooperationen zwischen Bildungseinrichtungen entgegenzutreten.

Sabine Bonewitz von der Stiftung Lesen wies in ihrem Impulsreferat darauf hin, dass sich Bildungschancen nur gemeinsam erschließen lassen. Hier sehe sich die Stiftung Lesen als Partner der Eltern. Lesen sei der Schlüssel zur gesellschaftlichen Integration.

Förderstrategien: Wie kann unser Bildungssystem fit gemacht werden?

In der ersten Diskussionsrunde zu Förderstrategien stellte Kaija Landsberg das Modell und die Zielsetzung von dem Projekt „TeachFirst“ vor. Nicht nur den Kindern und Jugendlichen werde geholfen, auch die Hochschulabsolventen, die sich auf diese Weise sozial engagiert haben, profitierten davon. Dr. Joachim Rock vom Paritätischen Wohlfahrtsverband stellte das Modell der Bürgerschule vor. Dieses sei dem der FDP sehr ähnlich. Wichtig seien Wahlfreiheit und freier Zugang, so Rock.  Prof. Dr. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance sagte, sinnvoll seien eine verbesserte frühe Förderung und die systematische Integration des Kindergartens in den weiterführenden Bildungsverlauf. Die Eigenständigkeit der Schulen müsse gestärkt, die Profilbildung innerhalb eines bundesweiten, dualen Rahmens sowie der Ausbau der Ganztagsschule weiter vorangebracht werden.

Mieke Senftleben, MdA, bekräftigte, dass „Schulen die Freiheit bekommen müssten, ihre Schulorganisation gewährleisten zu können“. Sie erneuerte ihr Plädoyer für ein Gutscheinsystem zur Finanzierung von Bildungseinrichtungen. Sylvia Canel, MdB und schulpolitische Berichterstatterin der Bundestagsfraktion, stellte den Beamtenstatus in Frage. Sie gab jedoch zu bedenken, dass sich eine solche Entwicklung nur durch ein bundesweites Zusammenwirken der zuständigen Kultusministerien auf den Weg bringen lassen könne.          

Wie wird Schule anschlussfähig?

Sylvia Canel und Martin LindnerSylvia Canel und Martin Lindner In der zweiten Diskussionsrunde zum Thema Anschlussfähigkeit von Schulen stellte Dr. Ulrich Hinz das Angebot von Studienkompass vor. Das Förderprogramm helfe Schülern ohne akademischen Hintergrund bei der Berufsorientierung und ebne so den Weg in die Hochschule. Sybille von Obernitz, DIHK-Bereichsleiterin Berufliche Bildung/Bildungspolitik, wies darauf hin, dass auch die DIHK sich hier engagiere. Jeder Schule werde ein Partnerunternehmen zur Seite gestellt. Es gebe jedoch noch viele Baustellen, so klagten viele Unternehmen über fehlende soft-skills der Schüler.

Heiner Kamp. MdB und Berichterstatter für Berufliche Bildung und Benachteiligtenförderung, betonte, dass Unternehmen allen Bewerbern gerade in Zeiten des Mangels an Auszubildenden, eine Chance bieten müssten. Ulrich Wiethaupt von SchuleWirtschaft sagte, dass das größte Problem die so genannten Hartz-IV-Karrieren darstellen würden. Den Schülern müsse klar gemacht werden, dass Berufsplanung vor allem Lebensplanung sei. Dies sei als Querschnittsaufgabe.

Susanne Vieth-Entus, Journalistin beim Tagesspiegel und Moderatorin der beiden Podien, fasste die Kernforderungen der Podiumsteilnehmer zusammen: Ruhe vor ständigen Reformen im Bildungswesen, Stärkung der schulischen Eigenständigkeit, verstärkte Kooperationen der unterschiedlichen Bildungsträger und Einrichtungen sowie eine höhere Anzahl an Lehrern mit türkischem und arabischen Hintergrund.

Martin Lindner, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, nutzte das Schlusswort, um herauszustellen, wie wichtig eine gute Ausbildung für die Chancen des einzelnen Menschen, aber auch für die Wirtschaft eines Landes sei. Es sei ermutigend zu sehen, wie sich Bürger, Stiftungen und Unternehmen an Schulen engagierten, um jungen Menschen eine Perspektive zu bieten. Die FDP werde dieses Engagement gerne unterstützen und politisch flankieren.