21.09.2011 Finanzpolitik

Brüderle: Schluss mit der Instrumentengläubigkeit

Rainer BrüderleRainer Brüderle

Das blinde Vertrauen in die Aussagen der Rating-Agenturen war einer der Gründe, warum die Risiken im Finanzmarkt bei der Lehman-Krise zu spät erkannt wurden. Die FDP-Fraktion hat daher am Mittwoch mit Finanzexperten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über die Zukunft der Ratings diskutiert. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle lehnt das gegenwärtig vorherrschende Meinungsoligopol und die Instrumentengläubigkeit der Finanzmarktakteure ab.

Wie stark Unternehmen, Banken und Staaten von der einseitigen Bewertung der marktbeherrschenden Agenturen abhängen, zeigt sich auch bei den sensiblen Reaktionen auf die jüngsten Herabstufungen der Bonität von Italien, Portugal und den USA oder bei den Schwierigkeiten, ein tragfähiges Finanzierungskonzept für Griechenland in Kooperation mit den Finanzinstituten zu finden.

Volles Haus bei der Konferenz zur 'Zukunft der Ratings'Volles Haus bei der Konferenz zur ''Zukunft der Ratings'' Die Rating-Konferenz der FDP-Fraktion mit anschließender Podiumsdiskussion bot die Gelegenheit, relevante Aspekte und Lösungskonzepte mit Teilnehmern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu erörtern. Vortragende waren Oliver Everling, Herausgeber des Rating-Handbuchs,  Jörg Janotte von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Andreas Buschmeier, Dozent an der Universität Kassel, Markus Krall von Roland Berger Strategy Consultants sowie Torsten Hinrichs von Standard und Poor´s Deutschland und Philip Gisdakis, UniCredit Abteilung Kreditstrategie.

Brüderle: Zu viele Ableser und Anpasser

Hermann Otto SolmsHermann Otto Solms FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms warnte in seiner Begrüßungsrede davor, den klaren Signalen des Marktes zu wenig Beachtung zu schenken und sich stattdessen nur auf die Analyse der Rating-Agenturen zu verlassen. Auch Brüderle kritisierte, dass Marktanalytiker immer seltener den Mut aufbrächten, ihre eigene Bewertung zu vertreten. „Es gibt zu viele Ableser und Anpasser“, erklärte der FDP-Fraktionschef. Ein guter Autofahrer zeichne sich ja auch vor allem dadurch aus, dass er durch die Frontscheibe schaue und sich nicht bloß auf Tacho und Rückspiegel verlasse. Auch auf dem Finanzmarkt gehe es darum, selbst mitzudenken. „Wer nur auf den Tacho schaut, der hat das Autofahren nie gelernt“, machte der ehemalige Wirtschaftsminister klar.

Brüderle wünscht sich daher im Bereich der Finanzmarktbewertung mehr Pluralität. Diese könnte beispielsweise durch den Aufbau unabhängiger Rating-Agenturen in Europa erreicht werden. Bei ihrer Herbstklausur in Bensberg haben die FDP- Fraktionsmitglieder beschlossen, sich für eine solche EU-Ratingagentur einzusetzen und das Meinungsmonopol der drei amerikanischen Agenturen damit zu brechen.

Fazit zur Konferenz von Hermann Otto Solms

"Die FDP-Bundestagsfraktion hat mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Aufsicht ein hoch interessantes und informatives Fachgespräch geführt", resümierte der Vorsitzende des Arbeitskreises Wirtschaft und Finanzen, Hermann Otto Solms, am Schluss der Konferenz. Für die weitere Arbeit zog der Liberale ein Zehn-Punkte-Fazit.

  • 1. Rating ist für alle Marktteilnehmer nützlich und notwendig.
  • 2. Nicht alles kann geratet werden. Geratet werden sollte nur, was auch objektiv geratet werden kann.
  • 3. Ratingurteile allein reichen nicht als Entscheidungsgrundlage, es bedarf immer auch einer eigenen Analyse.
  • 4. Ratingverfahren und die verwendete Datenbasis müssen transparent sein.
  • 5. Interessenkonflikte müssen so weit wie möglich ausgeschaltet werden.
  • 6. Eine effiziente Regulierung und Aufsicht des Ratinggeschäftes ist unverzichtbar.
  • 7. Die Regulierung sollte möglichst weltweit einheitlichen Kriterien folgen.
  • 8. Gesetzliche Vorgaben, die die Anwendung externer Ratings erzwingen, sind abzubauen, weil sie schädliche ökonomische Folgen und Übertreibungen nach sich ziehen können.
  • 9. Das beste Instrument zur Qualitätssicherung von Ratings ist der Wettbewerb privater Anbieter.
  • 10. Die Vielfalt von Ratingeinrichtungen und -verfahren, regional-überregional, intern-extern, allgemein-branchenspezifisch, verbessert die Aussagekraft.

"Mit Blick auf die hierfür notwendigen Schritte national und auf europäischer Ebene wird die FDP-Bundestagsfraktion ihre Vorstellungen entsprechend weiter entwickeln und mit dem Koalitionspartner besprechen", kündigte Solms an.